Politisches Feature

Der Schrank

Von Ruth Jung |
Über 30 Jahre sah man nur seine Rückseite. Mit der Vorderseite versperrte er eine Tür: ein Schrank im Palazzo Cesi in Rom, Sitz der Militär-Generalstaatsanwaltschaft. Hier wurden die von den Alliierten angelegten Akten über Kriegsverbrechen gestapelt - und verstaubten. Erst das Verfahren gegen den Naziverbrecher Erich Priebke in den 1990er Jahren führte zur Öffnung des Schranks.
Enrico Pieri war zehn Jahre alt, als er mit ansehen musste, wie deutsche Soldaten seine kleine Schwester mit dem Kopf so lange gegen eine Wand schlugen, bis sie tot war. 560 Dorfbewohner wurden von deutschen Soldaten am 12. August 1944 in dem kleinen toskanischen Dorf Sant'Anna di Stazzema ermordet. Die im Schrank gefundenen Dokumente ermöglichten endlich ein Verfahren gegen zehn Täter, die bisher unbehelligt ihren Lebensabend in der Bundesrepublik verbringen. Zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilte sie im Juni 2005 das Gericht in La Spezia - in Abwesenheit.

Enrico Pieri und andere Überlebende warten noch immer auf ein Zeichen aus Deutschland. Die Akten liegen bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart.

Produktion: DLF/RBB 2007

Das Manuskript der Sendung finden Sie unter "Downloads".